Es ist eines dieser historischen Daten, an die sich wohl jeder und jede von uns erinnern kann. Bilder von Menschen, die durchs Brandenburger Tor spazieren, auf der Mauer tanzen, sich in den Armen liegen – sie gingen vor 30 Jahren um die Welt. Dabei war die Öffnung der Grenzen am 9. November ja nur eines von vielen erstaunlichen Ereignissen im Herbst 1989. Das eigentliche Wunder hat sich schon viel früher zugetragen.

Anfang der 1980er Jahre steuert das Wettrüsten im Kalten Krieg auf einen unheilvollen Höhepunkt zu. In Reaktion auf den wachsenden Militarismus des DDR-Regimes beginnen Christen und Christinnen überall im Land, für den Frieden zu beten – in Leipzig und Berlin, aber auch in Kleinstädten und Dörfern. Die Kirchengemeinden werden zu Orten, an denen sich die Menschen trauen, frei zu sprechen. Hier werden die Missstände im Land offen angesprochen. Hier wird gesungen und diskutiert, gebetet und geträumt von einer anderen Welt. Biblische Bilder erscheinen mit einem Mal höchstaktuell – „Schwerter zu Pflugscharen“, die Sehnsucht nach einem friedlichen und gerechten Leben, aber auch der Auszug aus Ägypten und die bröckelnden Mauern von Jericho.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie sehr mich die Bilder aus der Berliner Gethsemanekirche damals berühren. Als kirchlich
und politisch engagierte Vierzehnjährige schaue ich beinahe etwas neidisch hinüber in den anderen, unvertrauteren Teil Deutschlands. Und heute? Kirchen als Orte, an denen drängende gesellschaftliche Fragen ins Gebet genommen werden und friedlich miteinander gestritten wird. Kirchen – nicht als Gegenwelt, aber doch als Orte, an denen Utopien erträumt und formuliert werden. Das wünsche ich mir noch immer. Unsere Gesellschaft braucht solche Orte der respektvollen Begegnung und des mutigen Träumens mehr denn je.

Träumen Sie bitte mit!

Mit herzlichen Grüßen
Ihre Pastorin Julia Koll