Das Fest der Geburt Christi ist das jüngste der bedeutendsten christlichen Hochfeste. In der christlichen Frühkirche gab es für dieses Ereignis noch keinen besonderen Festtag. An welchem Tag hätte es auch gefeiert werden sollen? Trotzdem schien es vielen Christen damals ein Anliegen gewesen zu sein, diesen Tag, den Geburtstag Christi, feiern zu wollen. Da aber die Kirche selbst keinen Tag dafür vorgegeben hatte, feierte man bald europaweit an rund 166 verschiedenen Tagen des Jahres das Fest der Geburt Christi. Erst im 4. Jahrhundert legte die Kirche offiziell den Tag der Geburt Christi fest. Es war, nach dem heute gültigen Kalender, der 6. Januar. Warum aber fiel die Wahl gerade auf diesen Tag? Nach dem kürzesten Tag des Jahres, der Wintersonnenwende oder dem Winteranfang, werden die Tage allmählich langsam wieder länger. Deshalb feierten viele Heiden in Italien und in anderen südlich gelegenen Ländern an dem Tag, den wir heute als den 25. Dezember bezeichnen, die Geburt des Sonnengottes Sol, auch Sol Invictus (= unbesiegbare Sonne) genannt. Mit dem Sonnengott Sol gleichgesetzt, feierten die Anhänger der römischen Mithras-Religion, die ihre Blüte im 3. Jahrhundert hatte, am 25. Dezember auch die Geburt ihres Gottes Mithras, der übrigens, wie Jesus, in einer Felshöhle geboren sein soll.

In Betlehems Stall, Schwerin, 2016

Die Geburtsgrotte in Bethlehem, ehemals als Viehstall genutzt, kann noch heute besichtigt werden. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch, dass die Anhänger des Gottes Mithras eine Taufe als ein Ritual der Reinigung, ein mythisches Mahl, ähnlich dem christlichen Abendmahl, und den Begriff Weltenerlöser kannten, mit dem sie den Gott Mithras bedachten.

Einen Tag vor dem heutigen 25. Dezember, dem Tag der Geburt des Sonnengottes Sol Invictus, nämlich am 24. Dezember nach dem heutigen Kalender, wurde im gesamten germanischen Raum das Fest der Göttin Jule, das sogenannte Julfest, gefeiert. Diese heidnischen Feste waren so stark im Volk verwurzelt, dass man an ihnen, trotz aller Christianisierung, weiterhin festhielt. Durch die Festsetzung des Festes der Geburt Christi in die unmittelbare Nähe dieser beiden heidnischen Feste, nämlich auf den Tag, der heute der 6. Januar ist, erhoffte die Kirche die alten heidnischen Bräuche erschlagen zu können. Fehlanzeige. Zwar feierten jetzt am 6. Januar nach heutigem Kalender die Christen einheitlich das Fest der Geburt Christi, doch hielt man auch nach wie vor am Fest der Geburt des Sonnengottes (Sol Invictus / Mithras) bzw. am alten Julfest fest.“

Aber es gab noch einen weiteren Grund, das Fest der Geburt Christi auf den heutigen 6. Januar zu legen. Am 6. Januar brachte Kore (übersetzt „das Mädchen“, fälschlich später mit Jungfrau übersetzt) Aion zur Welt, von den Ägyptern auch Osiris, später Serapis genannt. Aion (davon abgeleitet Äon) bedeutet Weltalter. Kore, von den Ägyptern mit Isis gleichgesetzt, war für die Griechen die geraubte Persephone. Als Vater dessen Kindes (Aion) galt bei den Griechen der Gott Dionysos. Der heutige 6. Januar galt von daher auch als „Tag der Lichter“. Die Christen nannten diesen Tag auch, angelehnt an die alten heidnischen Traditionen, Tag der Erscheinung (Epiphanie) Gottes. Noch heute feiern die Christen am 6. Januar das Fest der Erscheinung Gottes (Epiphanias). Was aber hat der „Tag der Lichter“ mit der Geburt Jesu zu tun?

Bei Jesaja (9,1) heißt es: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finsteren Lande, scheint es hell; denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter“.

Gestützt auf diese Aussage des Propheten Jesaja lag es nahe, die Geburt Jesu auf diesen Tag, dem „Tag der Lichter“ zu legen. Doch wie schon erwähnt, feierten trotzdem viele Christen auch weiterhin am 25. Dezember das Fest der Geburt des Sonnengottes, bzw. in den nördlichen Gegenden Europas am 24. Dezember das Julfest, auch wenn einige Christen bereits seit dem 4. Jahrhundert am 25. Dezember die Geburt Jesu feierten, andere wiederum am 6. Januar, und wiederum andere an weiteren 164 Tagen des Jahres.

1582 wurde von Papst Gregor XIII. ein neuer Kalender, der sogenannte gregorianische Kalender, eingeführt. Dieser löste den alten, von Julius Cäsar eingeführten julianischen Kalender (mit nur zehn Monaten) ab. Der gregorianische Kalender begann mit dem Fest der Geburt Christi, das nun auf den 1. Januar, dem Neujahrstag, vorverlegt wurde. Mit der Verlegung des Festes der Geburt Jesu in noch unmittelbarere Nähe des Festes der Geburt des Sonnengottes bzw. des germanischen Julfestes erhoffte sich die katholische Kirche, diese heidnischen Feste gänzlich in Vergessenheit bringen zu können. Erneute Fehlanzeige. Zwar feierte man nun im Westen Europas am 1. Januar das Fest der Geburt Christi und am 6. Januar das Epiphanias-Fest, doch hielt man auch weiterhin an den alten heidnischen Traditionen fest. Im germanischen Raum wurde am 24. Dezember nach wie vor das alte Julfest gefeiert und im südlichen Raum am 25. Dezember das Fest der Geburt des Sonnengottes. Um die alten heidnischen Brauchtümer endgültig zu zerschlagen, verlegte die katholische Kirche daraufhin das Fest der Geburt Christi direkt auf den 25. Dezember, dem Fest der Geburt des Sonnengottes, und nannte es das „Weihnachtsfest“. Gleichzeitig verkündete die katholische Kirche, dass Christus genau um Mitternacht geboren sei. Damit bezog sie auch den Vorabend des Weihnachtstages in das Weihnachtsfest mit ein. Der Abend des 24. Dezembers wurde damit zum „Heiligen Abend“. Damit gelang der katholischen Kirche endlich, was ihr Jahrhunderte zuvor nicht gelungen war. Die Bedeutung der alten
heidnischen Feste ging nach und nach verloren. Statt der Geburt des Sonnengottes oder dem alten Julfest feierten nun alle Christen einheitlich am 25. Dezember die Geburt Christi, bzw. am 24. Dezember den Heiligen Abend. Lediglich erinnern noch einige übriggebliebene Bräuche an das alte Julfest, wie die kleinen Julklapp-Geschenke in der Vorweihnachtszeit. Stärker noch als bei uns hat sich dieser Brauch bis in die heutige Zeit hinein in Skandinavien erhalten. Dort wirft man am Heiligen Abend bei Freunden und Verwandten unerkannt kleine Julklapp-Geschenke in den Hausflur.

Das Problem, wie es die katholische Kirche im Westen Europas hatte, kannte die orthodoxe Kirche im Osten Europas nicht.Deshalb feiert man in Ländern wie Russland oder Griechenland das Fest der Geburt Christi noch immer an dem Tag, auf welchen es auch bei uns zuerst festgesetzt worden war, nämlich am 6. Januar, dem „Fest der Erscheinung“. Doch wie schwer es ist, ein einmal eingeführtes und zur Tradition gewordenes Fest wieder zurück zu nehmen und aus den Köpfen zu streichen, wurde am Fest der Geburt des Sonnengottes und am Julfest deutlich. Deshalb ließ auch die katholische Kirche das Fest am 6. Januar nicht ganz fallen. Es wurde lediglich zum Fest der „Heiligen-Drei-Könige“ umfunktioniert. Mit dem Fest der Heiligen-Drei-Könige, an dem das Erscheinen der drei Weisen aus dem Morgenland, die dem Stern von Bethlehem folgten, gefeiert wird, endet auch die offizielle kirchliche Weihnachtszeit. In früheren Zeiten hatte in dieser Zeit, und zwar vom 24. bzw. 25. Dezember bis zum 6. Januar jegliche Arbeit zu ruhen.

Die Vorweihnachtszeit, also die Adventszeit, zumindest aber die Zeit zwischen dem 17. und 24. Dezember (die Zeit der Novene), ist nach altem Brauch eine Fastenzeit, ähnlich der vierzigtägigen Fastenzeit vor Ostern, die mit dem Aschermittwoch beginnt. Die vorweihnachtliche Fastenzeit endete mit dem Beginn des Heiligen Abends, wobei der 24. Dezember selbst ein strenger Fastentag war, ähnlich dem Karfreitag. An diesem Tag durfte in vielen Gegenden Europas erst dann wieder gegessen werden, wenn am Himmel der erste Stern sichtbar wurde. Ich kann mich noch gut erinnern, wie uns mein Vater, er stammte aus Oberschlesien, oft erzählte, wie er als Kind am 24. Dezember bei Einsetzen der Dämmerung zusammen mit seinen Geschwistern immer vor dem elterlichen Hause gestanden hatte, und dort sehnsüchtig auf das Aufgehen des ersten Sterns wartete.

Kommen wir noch einmal auf die russisch-orthodoxe Kirche zurück. In fast allen anderen Ländern Europas, dazu gehört auch Griechenland und die griechisch-orthodoxe Kirche, gilt seit dem Jahr 1582 der gregorianische Kalender. Sowohl die russisch-orthodoxe als auch die serbisch-orthodoxe Kirche halten hingegen nach wie vor am julianischen Kalender fest und feiern daher am 7. Januar unseres Kalenders Weihnachten, denn nach dem julianischen Kalender beginnt das neue Jahr 13 Tage später. Für beide Kirchen gilt überdies noch immer eine strenge 40-tägige Fastenzeit, die am 24. Dezember (nach unserem Kalender der 6. Januar), dem Heiligen-Abend (russisch: Scholnik) mit erscheinen des ersten Sterns am Abendhimmel endet. Dann darf endlich wieder richtig gegessen werden, und man beschenkt sich gegenseitig innerhalb der Familie und auch unter Freunden mit Plätzchen oder Schokolade. Der Morgen des nächsten Tages, der 7. Januar (= 1. Weihnachtstag), beginnt mit einem Gottesdienst. Danach erfolgt ein ausgiebiges Mahl. In Russland, und das galt damals für die gesamte Sowjetunion, wurden nach der Oktoberrevolution im Jahre 1917 das Weihnachtsfest sowie alle damit zusammenhängenden religiösen Bräuche von den Bolschewisten verboten. Statt des Weihnachtsfestes gab es nun das Silvesterfest, statt des Weihnachtsbaumes den Silvesterbaum und statt des Weihnachtsmannes Väterchen Frost.

Michael Jorek